"Redet doch mal mit jungen Leuten!"

Der Mengkofener Bürgermeister, Karl Maier, hatte in der vorletzten Gemeinderatssitzung den BN dazu aufgefordert, sich doch einmal mit jungen Leuten aus der Gemeinde über seine Bauvorhaben, die der BN sehr kritisch sieht, zu unterhalten. Als erste Gesprächspartner hat der BN – aus gegebenem Anlass – die Gewinner des diesjährigen Kulturpreises des Landkreises Dingolfing-Landau gewählt.

 

24.04.2018

Interview mit Lef Dutti von dicht & ergreifend
„Grias de God scheene Geg’nd“

 

dicht & ergreifend (d&e) haben im Februar den Kulturpreis des Landkreises Dingolfing-Landau erhalten. Großartig, meint der BUND Naturschutz (BN), denn die Texte der jungen Hip-Hopper sind nicht nur urig in niederbayerischer Mundart geschrieben, sondern nehmen zwischen den üblichen Battlerap-Phrasen auch gesellschaftliche und politische Entwicklungen sehr genau unter die Lupe. Sie kritisieren die Ausbeutung unserer Mitwelt genauso wie die Untätigkeit der Regierenden und zu vieler Menschen, die sagen: Ghetto mi nix o“.

 

BN:Hier in der Gemeinde Mengkofen kennt Euch jeder unter 30, und seit Ihr den Kulturpreis des Landkreises erhalten habt, sind auch einige weitere über 30 dazugekommen. Meint Ihr, dass Ihr verstanden werdet, dass Eure Message ankommt? Oder ist das alles für Euch nur Spaß?

d&e:

Für uns ist es sowohl Spaß als auch die Hoffnung, oder besser gesagt die Zuversicht, dass unsere Inhalte bei den meisten Leuten ankommen. Es gibt viele die glauben, wir wären eine Party-Kasperl-Kapelle, bis sie dann unsere Texte verstehen und erkennen müssen, dass in fast jedem Song eine Message dahintersteckt, die auch oft eine unbequeme Wahrheit zu Tage fördert.

 

BN:Ihr seid hier vor Ort aufgewachsen und zum Studium nach Berlin gegangen. Von weiter weg hat man oft einen genaueren Blick auf die Heimat. Was fällt Euch besonders auf, wenn Ihr heute zurückkommt?

d&e:

Jedes Mal, wenn wir bei Regensburg von der Autobahn runterfahren und uns in heimische Gefilde begeben, müssen wir feststellen, dass irgendwo wieder eine BMW-Halle gebaut wurde, dass ein neues Solaranlagen-Meer am Horizont erkennbar ist, oder einfach irgendeine schöne Baumreihe relativ grundlos niedergeholzt wurde. Das ist aber hoffentlich auch für alle die nicht woanders wohnen gut erkennbar.

 

BN:Ihr bringt gerade ein neues Album heraus und geht damit auf Tournee. Sie beginnt am 16. März in München. Im Gepäck habt Ihr einen Titel – „Grias de God scheene Geg’nd“. Darin schreibt Ihr von vegetierender Vegetation, von durch die Autoindustrie ausgenutztem Land – abgesegnet durch die Regierung, vom Gift, das der Bauer verspritzt, von viel zu viel Mais und Biogasanlagen, von saurem Regen, von gefällten Pappeln, die zu Hackschnitzeln verarbeitet werden und von der Aitrach, in der kein Fisch mehr schwimmt. Das ist hoffentlich richtig übersetzt und zusammengefasst! Wie kam es zu dem Lied?

d&e:

Das ist sehr gut ins Deutsche übersetzt, ja. Das Lied lag auf der Hand, bzw. vor der Haustür. Wie oben bereits erwähnt, bleibt bei keinem Besuch in der Heimat irgendeine unschöne Landschaftsverunstaltung aus. Die abgeholzte Pappelallee, von der in dem Song die Rede ist, lag direkt vor der Haustüre meines Elternhauses und hat sich seit meiner Kindheit in das Landschaftsbild um Tunzenberg eingeprägt. Eines Nachmittags kamen wir von Berlin über Dengkofen nach Tunzenberg gefahren, und die Pappeln waren einfach weg. Das war ein Schock, der länger angedauert hat, als nur die eine Minute des Vorbeifahrens. Eigentlich war das dann der ausschlaggebende Punkt, der uns dazu bewegt hat, ein Lied darüber zu schreiben, was sonst noch so für Schindluder mit der Umwelt im sogenannten romantischen Hügelland getrieben wird. Es hat nicht lange gedauert den Text zu schreiben, da der Input diesbezüglich sehr groß ist.

 

BN: Habt Ihr früher in der Aitrach Fische gefangen – oder Krebse, Muscheln? Was waren da Eure Kindheitserlebnisse?

d&e:

Ich habe mit einem Stock, an dem eine Pressbandschnur mit einem umgebogenen Nagel hing, innerhalb von 20 Sekunden einen Karpfen aus dem Eisweiher gefangen. In dem Bach vor unserer Haustüre, der der in die Aitracht fließt, wurden Dämme gebaut, Krebse gefangen, Blutegel und Frösche gesammelt. Und manchmal auch gequält, sicherlich. An den letzten Bienenstich an den ich mich erinnern kann, kann ich mich übrigens nicht mehr erinnern.

 

BN:Auch der Titel Eures Albums ist bezeichnend: „Ghetto mi nix o“. Ist das die derzeitige Stimmung? An wen richtet Ihr Euch damit?

d&e:

Wir richten uns erstmal an niemanden bestimmten. Jeder der das Album hört wird irgendwas entdecken, was ihm gefällt. Sei es inhaltlich, oder musikalisch. Wir beobachten unsere Umwelt und unsere Mitmenschen und erzählen darüber, was wir gesehen und erlebt haben. Sei es real, oder fiktiv.

 

BN:In Eurem Lied über die „scheene Geg’nd“ rappt Ihr: „… hob die kurz nimma gsäng, aber gar nimma kennd“. Kennt Ihr die derzeitigen Planungen für die neuen Bau- und Gewerbegebiete in Mengkofen? Denkt Ihr, dieses Lied wird immer aktuell bleiben?

d&e:

Wenn sich nichts verändert, wird es aktuell bleiben solange bis wir unter der schönen Erde liegen. Die exakten Baupläne kennt wahrscheinlich nicht mal der Bürgermeister selbst, oder eben nur er. Was wir jedoch beispielsweise wissen ist die Planung eines weiteren Industriegeländes am Gipfel des Hügels, der Tunzenberg und Dengkofen voneinander trennt. Null Bock da drauf. Arbeitslos ist eh fast keiner bei uns.

 

BN: Was ist Eure Meinung dazu? Könnt Ihr Euch vorstellen in Mengkofen zu bauen? Habt Ihr Freunde oder Fans, die schon auf einen Bauplatz in dem geplanten Baugebiet „Mengkofen Süd“ warten?

d&e:

Jeder muss irgendwo wohnen. Und am liebsten wohnt man irgendwo wo es schön ist. Egal ob Stadt oder Land. Gebaut wird gerade viel. Auch in unserem Freundeskreis. Bei Mengkofen Süd gibts in unserem Umfeld unseres Wissens gerade keinen. Ich kann mir sowieso nicht vorstellen in einem anderen Haus, außer meinem Elternhaus zu wohnen. Wenn jemand händeringend nach einem Bauplatz sucht, da er ein Haus für seine Familie braucht, wird er sich bestimmt keine großen Gedanken machen wo nun genau. Dass bei einem starken Regenfall ganz Mengkofen Süd unter Wasser stehen wird, wird einem wahrscheinlich erst dann bewusst, wenn man dort auch seine eigene Hütte stehen hat. Übrigens: Platz ist auch in der kleinsten Hütte. Friede den Hütten!

 

BN: Habt Ihr eine Erklärung für das, was in der Welt, aber eben auch gerade hier vor Ort passiert? Was ist die treibende Kraft / sind die treibenden Kräfte?

d&e:

Liebe vergeht. Baugrund besteht. Eigentlich werden Häuser sehr oft für die eigenen Kinder gebaut, so wie ich das mitgekriegt habe. Also sprich, kurz nachdem man das Haus abbezahlt hat, gehts selber ab in die Holzkiste und der bereits erwachsene Nachwuchs muss dann halt nur noch die Erbschaftssteuer oder so zahlen. Oft wurde aber bereits zu dem Zeitpunkt schon das eigene Haus gebaut, man hat keine Lust auf Vermieten, wegen Rohrbruch und so Sachen, und dann wird verkauft.

 

BN: Wie kann man das ändern?

d&e:

Mehrgenerationenhäuser mit verschiedenen Familien wären eigentlich eine gute Sache. Wir sind aber gerade noch sehr mit unseren WG-Zimmern zufrieden und eh viel zu faul zum Haus bauen.

Kippen holen zu Fuß oder mit dem Radl, anstatt mit dem Auto, wäre auch für uns eine saubere Sache.

Aber am Land braucht jeder ein Auto. Also fast jeder.

 

BN:Euch wurde der Kulturpreis des Landkreises Dingolfing-Landau verliehen, obwohl Euer Laudator Hannes Ringlstetter nach eigenen Worten versucht hat, das in letzter Minute zu verhindern? Als Argument dafür hat er den Text von „Grias de God scheene Geg’nd“ vorgelesen.Hättet Ihr den Preis auch bekommen, wenn die Jury vorher Eure Texte gelesen hätte?

d&e:

Ob die Jury unsere Texte gelesen hat wissen wir nicht. Die Texte vom neuen Album jedoch bestimmt nicht, da es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht veröffentlicht war. Was man nicht vergessen darf. Das Gegenteil von Kultur ist Natur. Und der Preis ist ja ein Kulturpreis und kein Naturpreis. Kulturell haben wir was bewegt, sicherlich. Ob sich in den Köpfen durch unsere Musik etwas verändert, wissen wir nicht. Wünschenswert wäre es schon, erwarten kann man es aber nicht. Und der Betrieb des Atomkraftwerks in Oha, äh, Ohu wird durch dieses Lied leider auch nicht eingestellt, wär ja noch schöner. Aber vielleicht passierts ja, dass der eine oder andere gerade zufällig mal wieder am Atomkraftwerk vorbeifährt, mit dem Auto natürlich, dabei »Griaß de God schene Gegend« läuft und er sich irgendwie denkt, wie krass es eigentlich doch ist, eine ganze Kindheit neben so einem riesigen Atomdings aufgewachsen zu sein.

 

BN:Wo kann man Eure CD / LP oder Karten für die Tournee kaufen?

d&e:

Am einfachsten geht’s direkt bei uns über die Homepage und unseren eigenen Shop. Alle Termine werden dort gelistet und wir verlinken direkt zum Kartenvorverkauf. Und im Shop gibt’s alles: Von der CD über die Vinyl bis hin zum Turnbeutel! Einfach www.dichtundergreifend.com.

BN:Danke für das Gespräch und dass Ihr Euch so viel Zeit genommen habt und viel Erfolg bei Euren Auftritten.

 

Das Gespräch mit Lef Dutti, Fabian Frischmann aus Tunzenberg, von dicht & ergreifend führten Vertreter der BN-Ortsgruppe Mengkofen. Der Mengkofener Bürgermeister, Karl Maier, hatte in der vorletzten Gemeinderatssitzung den BN dazu aufgefordert, sich doch einmal mit jungen Leuten aus der Gemeinde über seine Bauvorhaben, die der BN sehr kritisch sieht, zu unterhalten. Als erste Gesprächspartner hat der BN – aus gegebenem Anlass – die Gewinner des diesjährigen Kulturpreises des Landkreises Dingolfing-Landau gewählt.